Reaktionen auf eine globale Krise - die Coronavirus-Pandemie und der Klimanotstand

Date
13 March 2020

Written by
Carl-Friedrich Schleussner, Matthew Gidden, Kim Coetzee

Regierungen auf der ganzen Welt sind in ihren Anstrengungen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie vereint. Diese kollektive Reaktion zeigt, wie eine Antwort auf eine globale Krise – auch die Klimakrise – aussehen kann und sollte: entschlossenes Handeln der Regierungen auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse und individuelle solidarische Verhaltensänderungen, die eine gesellschaftliche Transformation ermöglichen. Dies alles mit dem Fokus auf den Schutz der Schwächsten und mit dem Willen, auch diejenigen zu unterstützen, die die Leidtragenden der nötigen Schutzmaßnahmen sind.

Military health personnel preparing for coronavirus response. ©MHS

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Die Coronavirus-Pandemie und der Klimaschutz im Jahr 2020

Die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie auf die Wirtschaft führt zu einer Verringerung der Treibhausgasemissionen. Der Narrativ, dies sei “gut” für das Klima, ist jedoch gefährlich irreführend. Eine rasche Dekarbonisierung erfordert weltweit eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung sowie Investitionen in die post-fossile Transformation, Forschung und Entwicklung. Eine globale Rezession könnte diesen Übergang verlangsamen. Auch Sekundäreffekte können weitreichende Auswirkungen haben: So wird beispielsweise ein erheblicher Rückgang der Nachfrage nach fossilen Brennstoffen diese wahrscheinlich billiger machen und damit den Übergang zu klimafreundlichen, aber derzeit noch teureren Alternativen wie Elektrofahrzeugen verlangsamen.

2020 ist ein entscheidendes Jahr für den globalen Klimaschutz. Im Rahmen des Pariser Abkommens sind die Regierungen verpflichtet, stärkere Zusagen zur Emissionsreduzierung zu machen (National Determined Contributions, kurz NDCs). Dem Climate Target Update Tracker zufolge haben dies bisher nur vier Länder getan. Der IPCC-Sonderbericht zu 1,5°C globaler Erwärmung hat mit “hoher Sicherheit” festgestellt, dass die 1,5°C-Grenze des Pariser Abkommens nicht erreicht werden kann, wenn die Anstrengungen zur Emissionsreduktion im nächsten Jahrzehnt nicht wesentlich verstärkt werden. Die Regierungen konzentrieren sich jetzt jedoch (zu Recht) voll und ganz auf die Pandemie, einschließlich der Bewältigung wirtschaftlicher Auswirkungen. Auch zivilgesellschaftliches Engagement unterliegt entsprechenden Einschränkungen (z.B. abgesagte Fridays for Future Demonstrationen), was es zunehmend schwieriger macht, die politische Dynamik im Zusammenhang mit der dringend erforderlichen Aktualisierung der NDCs aufrecht zu erhalten. 

Auch die internationalen Klimaverhandlungen, die die Teilnahme von Diplomaten und Experten aus der ganzen Welt erfordern, sind ebenfalls von der Pandemie betroffen. Die Klimarahmenkonvention (UNFCCC) hat angekündigt, dass sie vorerst bis Ende April keine “offline” Treffen abhalten wird. Dabei erscheint heute schon unsicher, ob die letzte UNFCCC-Verhandlungssitzung vor dem Klimagipfel in Glasgow im Juni in Bonn wie geplant stattfinden kann. Es ist unmöglich vorherzusehen, wie sich die Pandemie entwickeln wird, aber selbst eine Absage des Gipfels im November kann nicht mehr ausgeschlossen werden

Die Auswirkungen von COVID-19 auf das Klima sind daher keinesfalls auf Momentaufnahmen der Emissionsreduzierungen beschränkt – und die politischen und wirtschaftlichen Aussichten sind alles andere als erfreulich. Die Argumentation, dass der wirtschaftliche Abschwung und die Krise dem Kampf gegen den Klimawandel helfen wird, ist dabei nicht nur falsch; sie könnte sich auch leicht ins Gegenteil verkehren und die öffentliche Unterstützung für den Klimaschutz untergraben. Bei der Bewältigung der Klimakrise geht es um die Entkopplung von Wohlstand und Wachstum von Emissionen, und die Sicherung einer nachhaltigen Zukunft für alle, nicht um den wirtschaftlichen Niedergang.

Reaktionen auf Corona – ein Blaupause für die Rolle staatlicher Maßnahmen vs. individueller Verhaltensänderungen in Krisensituationen?

Die Relevanz individueller und staatlicher Maßnahmen zur Bewältigung der Klimakrise wird kontrovers diskutiert. Eine Betrachtung der Reaktionen auf die Coronakrise kann dazu möglicherweise relevante Erkenntnisse liefern. 

Im Falle von Corona können individuelle Maßnahmen wie Hygiene, Einschränkung der Reisetätigkeit und Vermeidung öffentlicher Veranstaltungen dazu beitragen, die Verbreitung des Virus einzudämmen – doch diese allein reichen bei Weitem nicht aus. Es liegt in erster Linie bei den Regierungen, diese kollektive Herausforderung/Bedrohung anzugehen. Zum einen betrifft das Virus einige gefährdete Gruppen mehr als andere, so dass eine kollektive Verantwortung für deren Schutz besteht. Zum anderen brauchen die Menschen klare Leitlinien, die ein individuelles und verantwortungsvolles Handeln im Rahmen einheitlicher, handlungsleitender Vorgaben ermöglichen.

Der IPCC-Sonderbericht zur globalen Erwärmung von 1,5°C im Jahr 2018 kommt zu dem Ergebnis, dass Änderungen im menschlichen Verhalten und Lebensstil notwendig sind um “die Voraussetzungen … für 1,5°C-konsistente Systemübergänge zu schaffen”. Eine Änderung der Ernährungsgewohnheiten oder nachhaltigere Konsum- und Mobilitätsmuster können unseren individuellen Klima-Fußabdruck verringern. 

Zusätzlich zu drastischen Maßnahmen, wie der Abriegelung ganzer Städte, Provinzen oder Staaten oder der Aussetzung der Reisefreiheit, zielen viele der Maßnahmen von Regierungen auf die Lenkung des individuellen Verhaltens ab – wie die Ermutigung zu “home office”, die Absage von öffentlichen Veranstaltungen oder die Schließung von Schulen. Die meisten Maßnahmen von Regierungen folgen dabei den Empfehlungen von Experten, wie z.B. der Weltgesundheitsorganisation. Leider ist dies, wie auch beim Klima, nicht für alle der Fall, und wir wollen hier nicht das Verhalten unterschiedlicher Regierungen oder Maßnahmen bewerten. Unsere Argumentation konzentriert sich hier ausschließlich auf die zentrale Rolle, die die Regierungen bei der Reaktion auf die Corona-Pandemie sowie auf die Klimakrise spielen müssen.

Staatliches Handeln ist auch vonnöten um ein Problem anzugehen, welches aus dem Klimabereich nur allzu bekannt ist: das Problem des “Trittbrettfahrens“. Selbst wenn die meisten Mitglieder der Gesellschaft (oder der Länder) ihr Verhalten drastisch ändern würden – möglicherweise mit erheblichen individuellen Opfern – können diese kollektiven Anstrengungen durch nicht kooperative Individuen oder Gruppen, die daraus möglicherweise sogar noch einen Vorteil ziehen können, untergraben werden. Das kann im Falle der Pandemie zum Beispiel rücksichtsloses Verhalten im öffentlichen Raum oder die Organisation und Durchführung von Veranstaltungen mit vielen Personen sein. 

Von entscheidender Bedeutung zur Bewältigung der Krise ist außerdem, dass auch diejenigen, die von den Präventionsmaßnahmen besonders betroffen sind Unterstützung bekommen (zum Beispiel der Tourismus- und Gastronomiesektor, aber längst nicht nur). Es ist offensichtlich, dass auch das nur Regierungen leisten können. So wie viele andere Staaten auch, hat die Bundesregierung hier entschlossene Schritte eingeleitet und einen “Schutzschirm” für Unternehmen aufgespannt.

Selbst die entschlossensten Maßnahmen zur Bewältigung der Klimakrise wären weit weniger abrupt, als was zur Bekämpfung von Corona notwendig ist. Jedoch nicht weniger dringlich. Zwingend erforderlich ist es, die Klimaschutzanstrengungen jetzt und in der nächsten Dekade substantiell zu verbessern. Dazu bedarf es einer Reihe von Maßnahmen, wie zum Beispiel die Festsetzung eines (wirksamen) Preises für CO2 Emissionen, die Abschaffung von Subventionen für fossile Brennstoffe und die Umlenkung von Finanzströmen (Divestment), sowie einen entschlossenen Kohleausstieg (bis 2030 in Industrieländern). Diese Transformation gerecht und inklusiv zu gestalten (eine sogenannte “just transition”) ist dabei ein wichtiges Element jeder Regierungspolitik, wie zum Beispiel der europäische Green Deal

Genau wie bei der Bekämpfung der Coronapandemie wäre es beim Klimaschutz mehr als abwegig zu behaupten, dass allein das individuelle Handeln “den Planeten retten” kann. Um die Ziele des Pariser Abkommens zu erreichen, sind robuste Maßnahmen der Regierungen erforderlich, um die gesellschaftlichen Grenzen zu setzen, damit die Krise auf der Grundlage der besten verfügbaren Wissenschaft gemeinsam angegangen werden kann.

Eine Chance für Veränderung?

Die Auswirkungen des Coronavirus und entsprechende Schutzmaßnahmen haben unmittelbare Konsequenzen auch für die Emission von Treibhausgasen und damit das Klima. So hat beispielsweise die Ersetzung persönlicher Treffen durch Telekonferenzen bis zu gestrichenen Flügen und zu einer Verringerung der Luftverkehrsemissionen geführt. Auch der Weltklimarat IPCC hat kürzlich angekündigt, dass seine nächste Leitautorensitzung virtuell stattfinden wird: mehrere hundert Wissenschaftler aus der ganzen Welt werden sich mehrere Tage per Videokonferenz miteinander austauschen. Es ist zu früh, abzuschätzen, ob dies eine Niedrigenergiezukunft der globalen Kommunikation und des Reisens einläuten kann. Gleichzeitig werden wir sicherlich viele Erfahrungen sammeln (z.B. home office oder weniger fliegen), die wir in der Zukunft beibehalten sollten.

Die Länder werden während und nach der Krise Konjunkturprogramme benötigen, um sich zu erholen. Wie im Fall der Klimakooperation ist internationale Solidarität für eine umfassende Erholung dringend erforderlich, da den armen oder besonders stark betroffenen Ländern die Mittel dafür fehlen werden. Solche Investitionen und Programme konzentrieren sich zwar offensichtlich auf die Bewältigung des kurzfristigen Schocks, stellen aber auch für das Klima eine langfristige Chance dar. Ob Regierungen Anreize zum fossilen “Weiter so” (Stichwort Abwrackprämie) setzen oder zukunftsorientiert und klimafreundliche Programme umsetzen, wird darüber entscheiden, ob diese tiefgreifende Krise auch einen Wendepunkt im Kampf gegen den Klimawandel darstellen kann. Die Chancen dazu sind gegeben.