(K)eine gemeinsame Zukunft? Verschleppter Klimaschutz und intergenerationale Gerechtigkeit

Date
08 February 2019

Written by
Carl-Friedrich Schleussner, Marina Andrijevic, Claire Fyson

Schülerinnen und Schüler auf der ganzen Welt gehen dieser Tage mit einem klaren Ziel auf die Straße: sie fordern stringenten Klimaschutz zur Einhaltung des 1.5°C Ziels des Pariser Abkommens ein. Denn sie werden die sich verschärfenden Klimafolgen von morgen wie zum Beispiel Hitzewellen, Dürren, Fluten und steigender Meeresspiegel noch erleben. Vor allem aber beraubt die Verschleppung des Klimaschutzes von heute sie zunehmend ihrer Chance, das Klimaproblem noch erfolgreich bewältigen zu können.

A German student holds up a sign at a recent climate strike in front of the parliament building in Berlin. "Das ist unsere Zukunft" - this is our future ©Leonhard Lenz [CC0], from Wikimedia Commons

ENGLISH VERSION OF THE ARTICLE

Die internationalen Dimensionen des Klimaproblems – wie beispielsweise unterschiedliche regionale Vulnerabilitäten und Verantwortlichkeiten – werden vielfältig untersucht und diskutiert. Die generationenübergreifende Dimension wiederum, hat bis jetzt weder in der wissenschaftlichen Literatur noch der politischen Diskussion viel Aufmerksamkeit erfahren.

Bereits bei der derzeitigen Erwärmung um 1 ° C werden die Auswirkungen des Klimawandels immer verbreiteter und schwerwiegender. In seinem Sonderbericht zu globaler Erwärmung von 1.5°C vom Oktober hat der Weltklimarat IPCC eindrücklich vor den Risiken gewarnt, die sich bereits aus der Klimaveränderung bei einer Erwärmung von 1,5 ° C ergeben werden. Sollte der Klimawandel dieses Niveau übersteigen, würden sich die Risiken rasch und dramatisch erhöhen.

Gleichzeitig sendet der Bericht eine starke Botschaft zur Dringlichkeit von ambitionierten Klimaschutzmaßnahmen. Der Weltklimarat wird dabei sehr deutlich: Wenn die bisherigen Emissionsminderungsziele der Länder der Welt bis 2030 nicht deutlich verbessert werden, ist das 1,5 ° C-Ziel wohl nicht mehr zu erreichen. In diesem Zusammenhang sendet  der Vorschlag der deutschen Kohlekommission bis 2038 weiterhin Kohle zu verbrennen, ein Ziel was völlig unzureichend für die Einhaltung des Pariser Abkommens ist, ein eindeutiges Signal an jüngere Generationen: Für die politischen Entscheider von heute hat Klimaschutz keine wirkliche Dringlichkeit. Die Frage, wie das Problem noch zu lösen ist überlassen wir dann euch.

Eine Welt wärmer als 1.5°C erleben

So es keine substantiellen Nachbesserungen gibt, würden die derzeitigen weltweiten Emissionsminderungsziele zu einer Erwärmung von um die 3°C gegenüber dem vorindustriellen Niveau bis zum Ende des Jahrhunderts führen (laut den Analysen des Climate Action Trackers). Unter einem solchen Temperaturpfad würden 1,5°C ungefähr im Jahr 2035, und 2°C Erwärmung im Jahr 2054 überschritten werden. Basierend auf den Daten zu Bevölkerungsentwicklung und Lebenserwartung von „Population.io“ haben wir die Wahrscheinlichkeiten für einen heute 60-jährigen im Vergleich zu einem 16-jährigen geschätzt eine um  1,5 ° C, 2 ° C und 3 ° C wärmeren Welt zu erleben (in der nachstehenden Tabelle zusammengefasst). Nehmen wir Deutschland als Beispiel. Ein 60-jähriger Deutscher hat im Durchschnitt eine gute (62%) Chance, im Jahr 2035 noch am Leben zu sein, also eine 1.5°C Welt noch zu erleben. Es ist jedoch sehr unwahrscheinlich, dass er die Auswirkungen einer 2 ° C-Welt erleben wird.

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Ganz anders stellt sich das für einen 16-jährigen dar. Er wird mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit das Überschreiten sogar der 2°C Grenze und möglicherweise sogar das Erreichen von 3°C gegen Ende des Jahrhunderts erleben. Dabei wird er den überwiegenden Teil seines Lebens mit den Klimafolgen einer Welt umzugehen haben, die sich um mehr als 1.5°C gegenüber dem vorindustriellen Niveau erwärmt hat und die laut Weltklimarat hohe bis sehr hohe Risiken für eine Vielzahl von Klimafolgen mit sich bringt. Fast die Hälfte seines Lebens wird die Erwärmung sogar 2°C überschreiten. Dazu ist noch zu erwähnen, dass unsere Abschätzungen sich hier nur auf Männer beziehen. Die Lebenserwartung von Frauen ist generell höher. In diesem Kontext ist es umso ironischer, dass ein vergleichsweise hoher Anteil an Klimaleugnern männliche “cool dudes” sind.

Doch damit sind die Ungleichheiten zwischen den Generationen noch nicht vorbei. Die Verteilung zwischen älteren und jüngeren Generationen unterscheidet sich stark zwischen den Weltregionen. Ein Viertel der heutigen 60-64-jährigen lebt in Ländern mit hohem Einkommen und die Mehrheit in Ländern mit hohem oder mittlerem Einkommen. Nur 5% leben in Ländern mit niedrigem Einkommen.

Im Gegensatz dazu lebt mehr als die Hälfte der 15- bis 19-Jährigen der Welt in Ländern mit niedrigem und niedrigem mittlerem Einkommen. Der Anteil der 60-64-Jährigen der Welt ist doppelt so hoch (25%) wie der der 15- bis 19-Jährigen in Ländern mit hohem Einkommen, darunter die mit den höchsten Pro-Kopf-Emissionen.

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Länder mit niedrigem oder niedrigem mittlerem Einkommen spüren die Folgen des Klimawandels bereits heute sehr deutlich. Diese Länder sind es auch, die unter der Überschreitung des 1.5°C Limits besonders zu leiden hätten. Nationengrenzen beiseite würde als Resultat des unzureichenden Klimaschutzes eine heute 16 Jährige nicht nur die Klimafolgen von 2°C erleben, sie lebt auch mit höherer Wahrscheinlichkeit in einer Weltregion, die davon besonders betroffen wäre. Hier kommen internationale und generationenübergreifende Ungleichheiten hinsichtlich der Auswirkungen des Klimawandels zusammen.

Die Altersabhängigkeit der Pro-Kopf-Emissionen

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Ein weiterer Aspekt, der bei der Bewertung der generationenübergreifenden Dimension des Klimawandels zu berücksichtigen ist, ist die Verteilung der Emissionen nach Altersklassen. Unterschiedliche Aspekte, wie zum Beispiel die Mobilität oder der Strom- und Heizungsverbrauch spielen dabei eine Rolle. Altersabhängige Emissionsprofile sind nicht besonders gut untersucht, aber das Ergebnis einer Studie zu diesem Thema ist in der obigen Abbildung dargestellt. Der Studie zu US-Bürgern zufolge sind die Pro-Kopf-Emissionen eines 60-Jährigen etwa dreimal so hoch wie bei einem 16-Jährigen. Während die absoluten Zahlen stark vom methodischen Ansatz abhängig sind, erscheint das allgemeine Muster zunehmender Emissionen angesichts altersabhängiger Einkommens- und Vermögensverteilungen plausibel. Die Aspekte der wirtschaftlichen Ungleichheiten zwischen den Generationen ist dabei nochmal ein ganz eigenes Thema.

Die Verschleppung von Klimaschutz heißt die harten Entscheidungen den heute Jungen zu überlassen

Der 1.5°C Sonderbericht des Weltklimarates stellt klar, dass die Verschleppung der Emissionsreduzierung es immer schwieriger machen wird, die Ziele des Pariser Abkommens zu erreichen. Bis zu dem Punkt, wo sie unerreichbar sein werden. Schwieriger bezieht sich in diesem Fall nicht nur steigende Kosten, sondern auch auf den Einsatz kostspieliger und kontroverser Technologien, die beispielsweise auf Entfernung von Kohlendioxid (auf Englisch Carbon Dioxide Removal, CDR) aus der Atmosphäre abzielen.

Eine bestimmte Menge CDR ist in allen 1.5°C Szenarien erforderlich um die Restemissionen im System auszugleichen. Der Umfang des Einsatzes unterscheidet sich jedoch erheblich zwischen verschiedenen Szenarien und der entscheidende Faktor, der den Bedarf an negativen Emissionen zu begrenzen, ist die kurzfristige Emissionsminderung. Je niedriger unsere Emissionen in 2030 sind, desto geringer ist der Bedarf an CDR.

Der IPCC Sonderbericht verwendet das Konzept der Archetyp-Pfade, um die Konsequenzen unserer Entscheidungen zu veranschaulichen. Auf dem nachhaltigsten Weg (P1) liegen die CO2-Emissionen im Jahr 2030 um etwa 60% unter dem Niveau von 2010. Der CDR-Einsatz ist sehr begrenzt und könnte durch Aufforstung und Wiederaufforstung erreicht werden. Dem gegenüber steht ein Pfad (P4), der bis 2030 keine Reduktion weiteren Emissionsreduktionen erreicht und damit 1,5°C Erwärmung überschreiten wird. In diesem Pfad werden dann aber bis zum Jahr 2100 massive Mengen an CDR eingesetzt, um die Temperaturen wieder unter 1.5°C zu senken.

Dabei werden in diesem illustrativen Pfad mit Hilfe von Bioenergie mit Kohlenstoffabscheidung (einer bestimmten CDR-Technologie) etwa 1200 Gigatonnen CO2 im Laufe des 21. Jahrhunderts wieder aus der Atmosphäre gezogen (dies entspricht etwa 30 Jahren unsererheutigen fossilen CO2-Emissionen). Angesichts solcher Skalen ist es wenig überraschend, dass der IPCC hat eine Reihe schwerwiegender Bedenken hinsichtlich der Umsetzbarkeit und Nachhaltigkeit solcher enormen Mengen festgestellt hat.

Was bedeutet das jetzt in Bezug auf die generationsübergreifende Frage? Die heutigen 60-Jährigen haben einen großen Einfluss darauf, wo die Emissionswerte im Jahr 2030 liegen werden. Die 16-Jährigen werden mit den daraus erwachsenden Konsequenzen ihr ganzes Leben zu tun haben. Zu den Folgen der Verschleppung des Klimaschutzes gehören dann die Auswirkungen einer globalen Erwärmung, die die Ziele des Pariser Abkommens kontinuierlich oder über einen längeren Zeitraum überschreitet, genauso wie die unvermeidlichen negativen Nebeneffekte, die ein möglicher Einsatz von CDR-Technologien in enormen Ausmaßen zur Folge hätte. Ganz zu schweigen davon, dass die “Lösung”, CO2 wieder aus der Atmosphäre zu entfernen, auch bezahlt werden muss.

Fragen der Generationengerechtigkeit und des Klimawandels sind vielfältig. Mit Sicherheit lässt sich aber sagen, dass die heutigen Klimaschutzanstrengungen (bzw. deren Abwesenheit) die Chancen der heute jungen Menschen zur Lösung des Klimaproblems maßgeblich beeinflussen. Werden die Weichen heute falsch gestellt, werden sie später nur sehr schwer noch umsteuern können. Die Reichweite unserer Entscheidungen reicht dabei weit über die nächste Generation hinaus. Das Vermächtnis nur weniger Jahre der Verschleppung wird sich noch im Meeresspiegelanstieg über Jahrhunderte niederschlagen.

Diese Fragen der intergenerationalen Gerechtigkeit spielen im heutigen Klimadiskurs vielleicht noch nicht die Rolle, die sie verdienen. Aber die Schülerinnen und Schüler, die heute auf der Straße protestieren, rufen sie uns mit Nachdruck ins Gedächtnis.