Heute auf dem Lehrplan: Dekarbonisierung

Date
16 July 2019

Written by
Nicole van Maanen, Carl-Friedrich Schleussner, Andrzej Ancygier

Über zwei Millionen Schüler aus 135 Ländern haben in diesem Jahr an den Klimastreiks teilgenommen. Die von der Klimaaktivistin Greta Thunberg initiierte Bewegung “Fridays for future” hat die Diskussion darüber angeregt, welche politischen Instrumente einen konkreten Beitrag zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen leisten können. Eines dieser Werkzeuge ist es, Kohlenstoff einen Preis zu geben. Der Beitrag von Schulen zum Klimaproblem ist im Vergleich zu anderen Sektoren wie Energie, Industrie oder Verkehr gering; jede positive Maßnahme trägt jedoch zum Gesamtergebnis bei und eine Einführung eines CO2-Preises in diesen Institutionen kann eine gute Lernübung für Schüler sein, die zu größeren Veränderungen beitragen kann.

The Wilhelm-Schickard School in Tübingen, Germany, has publically disclosed its CO2 emissions. ©Wilhelm-Schickard-Schule

Dieser Artikel ist auch in englischer Sprache verfügbar

In Deutschland hat die Schulstreikbewegung besondere Forderungen gestellt: Netto-Null-Emissionen bis 2035, 100% erneuerbare Energien bis 2035 und den Ausstieg aus der Kohle bis 2030 (acht Jahre früher als von der staatlich eingesetzten Kohlekommission empfohlen). Die Studenten fordern außerdem eine CO2-Steuer auf alle Treibhausgasemissionen und verlangen, dass der Preis die Kosten widerspiegelt, mit denen aktuelle und zukünftige Generationen konfrontiert sein werden, wenn die Welt die globale Erwärmung nicht eindämmt: 180€ für jede Tonne CO2-Emissionen, wie vom Umweltbundesamt vorgeschlagen.

Die Idee einer CO2-Steuer gibt es seit Jahrzehnten und basiert weitgehend auf der Arbeit des englischen Ökonomen Arthur Cecil Pigou, der sich in den 1920er Jahren für eine Steuer auf negative Externalitäten einsetzte, um schädliche Auswirkungen auf die Gesellschaft, wie z.B. Umweltverschmutzung, zu vermeiden oder zu reduzieren. Die Idee ist, dass die Erhebung eines Preises oder einer Abgabe auf Kohlenstoff als Anreiz für Emittenten und Verbraucher dienen kann, sich von der Verbrennung fossiler Brennstoffe abzuwenden. Deshalb ist es umso wichtiger, dass andere Akteure – wie Gemeinden, Institutionen oder Unternehmen – Impulse für die Politik geben, die einen spürbaren Einfluss auf die Bekämpfung der globalen Erwärmung haben könnten.

Grundsätzlich kann ein CO2-Preis auf verschiedenen Ebenen eingeführt werden, was es den Akteuren der Zivilgesellschaft ermöglicht, ihre Bereitschaft unter Beweis zu stellen und Druck auf die Regierungen auszuüben. Gemeinden, Unternehmen, private Haushalte oder Kirchen sind gut positioniert, um mit der CO2-Preisgestaltung zu experimentieren, und einige tun dies auch bereits. Ein weiterer wesentlicher Vorteil der CO2-Preisgestaltung besteht darin, dass sie die Erfassung von Daten über alle Emissionsquellen erfordert, die von einer Organisation, Institution oder einem Gebäude verursacht werden. Dies erhöht die Transparenz erheblich, indem es die Verantwortlichen und die Nachzügler aufzeigt, was einen Anreiz zur effektiven Reduzierung der Emissionen bietet. Dies ist ein wesentliches Argument für die Einführung einer universellen CO2-Preisgestaltung.

Mehrere Universitäten in den Vereinigten Staaten verfügen bereits über Kohlenstoff-bepreisung. So hat die Yale University beispielsweise eine CO2-Gebühr für Emissionen aus ihren Gebäuden eingeführt, die neutral zu den Einnahmen aus den Aktivitäten im Gebäude ist. Wenn ein einzelnes Gebäude weniger Emissionen verursacht als in der Vergangenheit, erhält es Geld zurück – wenn es schlechter wird, zahlt es. Die gesammelten Mittel gehen an die in Rechnung gestellten Gebäude zurück, aber die Übung hat dazu beigetragen, dass Bewusstsein dafür geschärft wird, wie die CO2-Preise funktionieren. Die Universität ist auch bestrebt, die gesellschaftlichen Kosten des Klimawandels in Zukunft in ihre Investitionsentscheidungen einzubeziehen. Außerdem hat die Übung die Universität für den Fall vorbereitet, dass ein regionaler oder nationaler Preis für Kohlenstoff eingeführt wird.

Da sich junge Menschen immer mehr für die CO2-Preisgestaltung interessieren, ist es sinnvoll zu versuchen, diese Systeme dort einzuführen, wo sie ihre meiste Zeit verbringen – in Schulen. Der Zweck dieser Übung wäre weitgehend pädagogisch, da der Beitrag der Schulen zum Klimaproblem unbedeutend ist. Es könnte aber als Labor für Studenten dienen, sich mit den CO2-Preisgestaltungssystemen auseinanderzusetzen, und die Debatte über effiziente Möglichkeiten zur Emissionsreduzierung anzuregen. Selbst eine CO2-Steuer von 1€ pro Tonne wäre für Schüler, Lehrer und Eltern von großem Bildungswert. Eine CO2-Steuer in Schulen und anderen Institutionen sollte nicht als Ersatz für eine nationale oder internationale CO2-Steuer angesehen werden, sondern als Sprungbrett und Bildungsinstrument.

In der Praxis sind bei der Einführung einer CO2-Steuer nur vier Schritte erforderlich. Der erste und wahrscheinlich schwierigste Schritt ist die Bestimmung des aktuellen CO2-Ausstoßes. Zweitens muss ein CO2-Reduktionsziel festgelegt werden. Anschließend wird ein Preis auf den Kohlenstoff erhoben und die jährliche Kohlenstoffsteuer berechnet. Der letzte Schritt ist die Entscheidung, wie die Einnahmen investiert werden sollen. Die Steuer ist offensichtlich am effektivsten, wenn die Einnahmen in kohlenstoffarme Projekte investiert werden.

Die Wilhelm-Schickard-Schule in Tübingen hat ihre CO2-Emissionen öffentlich bekannt gegeben. Die Schule unterrichtete im Jahr 2016 1365 Schüler (mit 90 Lehrern) auf 8226m2 beheizter Fläche und emittierte 547,69 Tonnen CO2. 75% dieser Emissionen stammten aus dem Verkehr, davon 71% aus dem Pendelverkehr. Machen wir die Rechnung: Wenn ein Preis von 180€ pro Tonne eingeführt würde, müsste die Schule in diesem Jahr 98.584,3€ Steuern zahlen. Das entspricht 8215,35€ pro Monat. Bei einer Aufteilung zwischen Schülern und Lehrern würde dies jedoch nur 5€ pro Monat und Person betragen.

Wenn eine Schule eine CO2-Steuer einführen würde, gibt es viele verschiedene Möglichkeiten, wie sie die Einnahmen reinvestieren könnte, um ihren CO2-Fußabdruck zu verringern, einschließlich Energieeffizienzmaßnahmen. Im Idealfall würden die Projekte auch die Hauptquelle ihrer Emissionen, in diesem Fall den Verkehr, adressieren. Es gibt mehrere Möglichkeiten dies zu tun. So kostet beispielsweise ein Studententicket für die öffentlichen Verkehrsmittel in Tübingen 30,60€ pro Monat. Die Schule könnte beschließen, Schüler und Eltern, die derzeit mit dem Auto zur Schule fahren, durch die Bezahlung der Hälfte ihres Fahrscheins für den öffentlichen Nahverkehr zu unterstützen. Das könnte möglicherweise viele Familien dazu veranlassen, ihre Verkehrsmittel zu überdenken. Eine weitere Möglichkeit könnte die Erleichterung des Carsharing zwischen Lehrern, Eltern und Schülern sein, z.B. durch eine App. Dies würde die Emissionen erheblich reduzieren, indem die Gesamtzahl der Autofahrten zur Schule und zurück stark reduziert würde. Wenn eine solche App erfolgreich ist, könnte sie auf andere Schulen in Deutschland und auf der ganzen Welt ausgedehnt werden.

Dabei muss ganz klar sein: eine Steuer für die CO2-Emissionen von Schulen wird natürlich nicht mal im Ansatz ausreichen, um die Erwärmung auf 1,5°C zu begrenzen, wie im Pariser Abkommen festgelegt. Dafür sind weitreichende Emissionsreduktionen in allen Sektoren bis zum Erreichen von Nullemissionen erforderlich und die protestierenden Schüler haben Recht, dass sie genau das einfordern. Dennoch könnte es als nützliches Bildungs- und Sensibilisierungsinstrument für Schüler dienen, das möglicherweise größere Veränderungen auslöst, mit spürbaren Auswirkungen auf die CO2-Emissionen innerhalb und außerhalb der Schultore.